Dashboard Confessional, 18.6.07, Kleine Elserhalle
oder
Die Reise zur Palmeninsel
Es gibt Musik, die einem vom ersten Augenblick an direkt ins Blut schießt.
Musik, die man ab da nur mehr intravenös genießen kann, weil jede
geringere Dosierung keine Wirkung mehr erzielt.
So geht es mir bei einigen Gesangsvereinen, aber diesen Sommer habe ich da
eine ganz spezielle Erfahrung gemacht. Ich ging auf ein Konzert – ohne
vorher jemals auch nur ein Wort über die Band gehört zu haben. Oder nur im
Unterbewusstsein. Denn manches kam mir an dem Abend bekannt vor, auch wenn
ich es nicht wirklich zuordnen konnte.
Es war im Juni. Den ganzen Tag über hatte ich vor Arbeit keine Zeit, an
den Abend zu denken. Plötzlich fand ich mich in München, mit einer Flasche
Bier in der Hand, vor der kleinen Elserhalle und wartete mit einer
überschaubaren Gruppe gleichgesinnter Menschen und einem Mann den ich kaum
kannte darauf, eingelassen zu werden. Nebenan wartete eine wesentlich
größere Gruppe wesentlich niedrigeren Alters auf den Auftritt der
geschätzten Bright Eyes. Ich habe im Stillen zuerst die Leute gegenüber
beneidet und mich geärgert, dass ich mich nicht für dieses Konzert
entschieden habe. Und dann gehofft, die Bright Eyes würden nicht zu den
Emo-Sportfreunden mit Durchschnittsfanalter 14 werden. Dann hab ich mich
umgedreht und vergessen, dass es die Bright Eyes gibt.
Denn in diesem Moment liefen ein paar bis unters Kinn tätowierte Männer,
ebenfalls mit Bier versorgt, aus dem Eingang ins Freie. Wäre mir nicht
weiter aufgefallen, hätte mich nicht jemand darauf hingewiesen, dass das
Teile der Band sind. Oder eigentlich die Band mit seiner Band. Aber dazu
später.
Dann endlich nahmen die Zuschauer Aufstellung vor der angenehm kleinen,
gemütlichen Bühne. Ich war bis zum Anschlag gespannt. Was, wenn es mir
nicht gefällt? Und ich dann hier neben einem Menschen stehe mit dem ich
den Abend verbringen will und nicht weiß, wie ich ihm beibringen soll,
dass ich seine Lieblingsband langweilig finde? Und wie kann ich
kaschieren, dass ich als einzige die Texte nicht auswendig kenne?
Spätestens als Chris Carrabba mit seiner Gitarre und einem entwaffnenden
Lächeln unter den Scheinwerferkreis trat, war mir aber klar, dass alle
meine Sorgen unbegründet waren. Eine kleine Welle der Erleichterung lief
da schon
durch meine Gliedmaßen. Statt einer gewöhnlichen Vorband trat der
Frontmann allein mit seiner Gitarre auf. Gut gelaunt und hell leuchtend.
Hin und wieder mit seinem Publikum scherzend. 100 Punkte hat der Mann da
allein schon mit seiner Ausstrahlung bei mir gewonnen. Und endlich hat mal
jemand wieder Ideen, die noch keiner vor ihm hatte.
Später kam die Band (also Chris Carrabba) mit seiner Band nach einer
kurzen Klopause zurück, und das eigentliche Konzert begann. In den wenigen
ruhigen Sekunden zwischen den Songs bekam ich eine Lektion im Freifach
Bandstruktur. Es ist nämlich so: DC bestand im Prinzip nur aus Herrn
Carrabba, aber er hat eine kleine Handvoll netter Menschen gefunden mit
denen er wunderbar funktioniert, und sogleich wurde fast
selbstverständlich beschlossen von nun an zu viert unter diesem Bandnamen
Menschen glücklich zu machen.
Es ist eigentlich unbeschreiblich, wie sich der Rest des Abends im
Publikum angefühlt hat. Für mich war es so, als ob ich auf einer
Luftmatratze im offenen Meer liege, mit einem Cocktail in der Hand und
Sonnenstich im Kopf,
glücklich und verloren zugleich. Und rund um mich herum lagen ein paar
kleine Inseln, friedlich und schattenspendend. Eine Insel hat mir dabei
besonders gut gefallen. Deshalb bin ich ausgestiegen, hab mich unter eine
Palme gelegt, den Radio angestellt und bin dort geblieben. Und Dashboard
Confessional hab ich mitgenommen.
ah