Maximo Park, München Tonhalle, 27.10.09
Dieser Abend stand vorab schon unter keinem guten Stern. Vor einigen
Wochen erst kam die Ankündigung, das Konzert würde vom Zenith in die
Tonhalle verlegt, und wer schon in beiden Lokalitäten zu Gast war, weiß was das
bedeutet. Kann sich das auf Bühnen-Vollprofis wie Maximo Park negativ
auswirken? Hat sie diese kleine Niederlage so geschmerzt, dass es ihnen
den Schneid nahm, für den sie normalerweise so bekannt sind? Irgendetwas
war auf jeden Fall anders als sonst - die Band, die man vor genau zwei Jahren
auf der selben Bühne gesehen hat, war das jedenfalls nicht!
Punkt 20:00 Uhr betraten die Maximo Park-Lieblingsfreunde Blood Red Shoes die Bühne. Das Duo hat ein paar wirklich einwandfreie Indie-Hits auf Lager, Songs zu denen man die ganze Nacht feiern kann ohne müde zu werden und Songs, die man spätestens nach dem zweiten Mal hören komplett mitsingen kann. Sie schaffen es auch, das Sieger-Gefühl dieser potentiellen Lieblingssongs auf ihr Publikum zu projizieren und für eine tolle Stimmung zu sorgen. Doch sobald die Gassenhauer verklingen und die weniger bekannten Songs an der Reihe sind, sieht man nur mehr die eingefleischten Fans begeistert. Drummer Steven Ansell, den man Drummer-unüblich ganz vorne auf der Bühne platziert sieht, beherrscht beeindruckender weise sein Instrument auch dann noch perfekt, wenn er gleichzeitig singt und das Publikum zum Klatschen anfeuert. Sein Blick haftet auch während schwieriger Passagen am Publikum, so als möchte er den Draht zu den Leuten nicht verlieren. Sein musikalisches Pendant, Gitarristin Laura-Mary Carter, wirkt zart und sanft wie eine Elfe, ihre Stimme glockenhell und fehlerfrei, auch wenn die Lyrics meist so gar nicht elfenhaft sind. Das einzige Problem: die Gute ist nicht unbedingt eine Bühnenpersönlichkeit. Mag sein, dass sie nur etwas zurückhaltend oder schüchtern ist, aber wenn man dem Publikum beinahe jegliche freundliche Kooperation verwehrt, könnte ihr das leicht als Arroganz oder Langeweile angerechnet werden (noch dazu wenn dieses nicht wegen einem selbst, sondern wegen einer anderen Band gekommen ist - da sollte man sich eigentlich noch ein bisschen mehr bemühen). Der Auftritt war trotzdem viel zu kurz, kaum eine halbe Stunde wurde gespielt, dann war der Spaß auch schon wieder vorbei.
Ebenfalls überpünktlich marschierten Maximo Park auf die Bühne, begleitet von einer ganz seltsamen Art von Intro. Im Hintergrund der Bühne war diesmal nicht der gewohnte Logo-Schriftzug montiert, statt dessen eine Video-Leinwand, an der ein arg verwackeltes Homemovie (ev. Tourtagebuch?) lief. Die Vermutung liegt nahe, dass einer der fünf seine kreative Ader auch gerne mal in Bildern statt in Tönen festhält. Generell war das Bühnenbild dunkler als sonst, ein bisschen duster, aber was das zu bedeuten hat soll hier bitte jeder für sich überlegen. Dass der Abend ganz im Zeichen des aktuellen Albums stand, war sowieso schon im Vorhinein klar, schließlich ist das Baby ja erst einige Monate alt und noch lange nicht auf der ganzen Welt vorgestellt! Leider entpuppen sich die meisten Songs des Albums live als sehr viel erwachsener und vernünftiger als die "Klassiker" (die ans Ende des Abends verbannt wurden). Man müsste als Hörer wohl mitwachsen können - wenn es nur nicht so schwer wäre, die wilden, wahnsinnigen, durchzechten Nächte auf dem Tanzboden zu vergessen, die einem die ersten beiden Alben beschert haben!
Als Einstieg diente "A19", das nur auf dem B-Seiten Album "Missing Songs" zu finden ist und deshalb nicht gerade die ideale Wahl war, um für mehr Applaus außerhalb der getreuen Fankurve zu sorgen. Danach folgten zwei Neue - "The Penultimate Clinch" und "In Another World", die zwar für gespannte Aufmerksamkeit sorgten, denen aber wie gesagt ein bisschen der Schneid fehlte. Erst während "The Kids Are Sick Again" wurde es dann endlich etwas schlampiger in der Menschenmenge. Mag sein, dass TKASA tatsächlich etwas massentauglicher ist als Auskopplungen der ersten Alben, ein bisschen (auch wenn's weh tut) radiotauglicher und mehr auf Pop-Hit produziert als je ein Maximo Park Song zuvor - aber das ist nicht schlimm, denn das Ergebnis ist astrein, musikalisch als auch textlich, die Botschaft kommt an und wird gerne angenommen, der Refrain als Ton-gewordenes Lebensmotto lauthals mitgesungen und die Hände zustimmend Richtung Vorbeter Smith gereckt.
Weiters in der Set-List vertreten: das obligatorische "Books From Boxes", das live sehr viel mehr besticht als auf Platte, "Let's Get Clinical", bei dem man immer noch nicht weiß ob man es gut finden oder sich ob des offenherzigen Textes fremdschämen soll, und eine auf Akustik reduzierte Version von "Going Missing". Dazwischen wurde mit "Questing", "That Beating Heart" und "By The Monument" das Tempo immer wieder ordentlich gedrosselt, so als ob man Angst hätte, jemand würde sich bei lang anhaltender Schnelligkeit vielleicht übergeben. Zum richtig ausgelassenen Tanzen blieben einem da eigentlich nur die üblichen Verdächtigen: "Apply Some Pressure", "Our Velocity" und "Girls Who Play Guitars" - und die kamen allesamt erst zum Schluss des Abends.
Besonders überzeugt hat jedoch das an sich schon wunderschöne "Calm", einer der ganz speziellen Highlights des Albums, das live quasi von seiner pickeligen (auf Platte festgehaltenen) Pubertät heraus zu einer umwerfenden Schönheit wachsen durfte! Eine Darbietung wie diese ist der Grund, wieso man sich in Maximo Park unsterblich verlieben kann! Ebenfalls in der Zugabe: Everybody's Darling "Acrobat", obwohl dieses Mal leider ohne rotes Buch, dafür aber von Smith nicht weniger dramatisch inszeniert.
Das einzige, was sich bei dieser Band sichtbar nicht verändert hat (und sich hoffentlich auch nie verändern wird), ist die Freundlichkeit und Sympathie, die sie ausstrahlt, und der Spaß, den sie immer noch an ihrer Arbeit haben. Paul Smith schnatterte wie üblich charmant und lächelnd Einleitungen und Übergänge zwischen die Songs, Lukas Wooller legte seine bekannten akrobatischen Keyboard-Einlagen hin und toppt dabei alles, was man an Verrenkungen je von ihm gesehen hat, und die anderen drei spielen wieder einmal Musterschüler und lassen keinen (hörbaren) Fehler erkennen. Archis Tiku traut sich sogar endlich aus seinem Quadratmeter Bühne heraus und kommt nach vorne, singt mit (wieso hast du so lang gezögert, Archis? Das sah gut aus!) Was ein bisschen fehlte, war die Friede-Freude-Partystimmung, das "Lass uns tanzen gehen, bis uns Blasen sprießen, lass uns trinken und feiern, morgen ist egal!". Ob es sich um eine zeitweilige Phase oder eine konstante Veränderung handelt, muss abgewartet werden.
ah