Art Brut, 18.5.09, Backstage Werk, München
Are you ready, Art Brut?
Wenn es Frühling wird und man das Gefühl hat, es sei mal wieder Zeit für etwas Neues, dann sei einem so ein Art Brut Konzert sehr ans Herz gelegt. Man kann sich bis zur Erschöpfung auspowern, beim Pogen neue Freunde finden und sich von Eddie Argos wichtige Lebensweisheiten geben lassen. Ja, Eddie Argos redet gerne. Jeder Song wird mit „Are you ready, Art Brut?“ und einem fragenden Blick zu seinen Kollegen eingeleitet. Zwischen jedem Song gibt es unbeschwerten Smalltalk, und dass sein Gesang mehr Sprechgesang als sonst was ist, das sagt Argos ja sogar selber!
Er würde heute nicht so viel tanzen wie sonst, meinte Eddie, weil er sich vor ein paar Tagen während eines Gigs den Rücken verletzt hat. Als Ausgleich dafür würde er sich aber sehr gerne ausziehen, wirft er hinterher, und schon dreht das Publikum fast durch! Der Jubel über Eddies Freizügigkeit geht nahtlos in das fast fehlerlose Mitsingen zu „Moving to L.A.“ über. Dieser Song ist in seiner prophetischen Voraussagung wohl kaum zu überbieten, denn geschrieben wurde er damals noch vom Engländer Eddie Argos, der jetzt, Jahre später, mittlerweile über den Umweg Berlin tatsächlich nach Los Angeles ausgewandert ist. Schön, dass er dadurch nicht zum kalifornischen Sunnyboy mutiert ist, das hätte seinem feinen britischen Zyniker-Charme wohl das Genick gebrochen.
Dass Art Brut ihre Werke live nicht steif vom Papier spielen, beweist die permanente Abwandlung von Songzeilen während des Gigs, z.B. heißt es dann statt „I’m drinking Henessey with Morrissey“ – was ja als einfacher Satz an sich schon ein Meisterwerk ist – „I’m drinking Long Island Ice Tea with Jay Z“. So schräg das auch klingt, bei Art Brut würde ich das gerne sehen, dieses „feat. random HipHop Star“. Wäre bestimmt interessant…Und auch das Publikum ist live viel gelöster von den üblichen Formalitäten. Die Crowdsurfer und Poger sind im Dauereinsatz, manche von denen springen auch schon mal auf die Bühne und pogen dort weiter, während die Band milde lächelnd zusieht und sie machen lässt. Gut, die Security machte dem Tanz trotzdem schnell ein Ende, aber soweit kommt man bei den meisten Gigs erst gar nicht.
Mit “Bang Bang Rock’n’Roll”, „Direct Hit“ und “DC comics and chocolate milkshakes” schubsen uns Art Brut einmal quer durch ihr Portfolio der letzten fünf Jahre. Es scheint, als ob kein Song neben einem Song desselben Albums stehen dürfte. So als hätte hier jemand akribisch an einer Hochzeits-Sitzordnung gebastelt, damit sich während der Feier der Alkoholikeronkel des Bräutigams nicht mit der kampf-flirtenden Single-Tante der Braut zankt und damit die Stimmung verhaut.
Dann war da noch die (von mir lang ersehnte Auflösung) der Emily Kane Story: Eddie’s Jugendliebe hat den ihr gewidmeten Song natürlich gehört und sich tatsächlich noch mal bei ihm gemeldet. Sie haben telefoniert, über alte Zeiten gequatscht, und das Ende der Geschichte: He’s not in love with Emily Kane. Schließlich hat Herr Argos mit der Blood Arm Pianistin Dyan Valdes nen mehr als guten Fang gemacht!
Mit seinen Texten, die oft so wunderbar unterschwellig auf seine Musikerkollegen eindreschen oder uns mit Wortspielen erheitern, trifft Argos wohl einen Nerv, der in vielen von uns schon ganz schön entzündet ist. Alleine die Songzeile „How can you just sleep at night, when there’s still people buying records from Razorlight?“ sagt alles, was er über den Großteil der aktuellen Hitbands denkt. Genauso das mehrmalige Wiederholen der Sätze „Am I human or am I dancer? My Sex is on fire!“ als Pausenfüller vor dem nächsten Song, der den Killers und dem König der Löwen der Musikwelt den Finger zeigt, wenn sie sich gerade wieder für die größten Macher auf Gottes grüner Erde halten.
Popular Culture does apply to Eddie Argos - wenn auch nur in der von hinten aufgerollten Satire seiner eigenen Songtexte.
ah