Editors, Tonhalle
München, 29.11.2009
Support:
Wintersleep, The Maccabees
Als erste von zwei Vorbands hat man es ja nie wirklich leicht. Denn trotz des frühlingshaften Wetters draußen waren die Emotionen des Publikums (passend zum Bandnamen) irgendwie im Winterschlaf. Trotz solider Leistung waren die Editors-Fans relativ geizig mit dem Applaus für die Kanadier. Wieso ist mir ein Rätsel – wirklich unbekannt sind Wintersleep ja gerade nicht, spätestens nach ihrem Support für Pearl Jam sollten sie auf der großen Landkarte der Musik ein Fähnchen bekommen haben. Der Auftritt war wie schon erwähnt einwandfrei und eigentlich selbst für Nicht-Kenner mehr als genießbar. Für die schöne Mischung zwischen Brian Molkos Stimme und Ben Gibbards Songwriting gibt es jedenfalls einen Extra-Pluspunkt!
Eine halbe Stunde später wurden die Maccabees auf München losgelassen. Die fünf Herrschaften aus Brighton präsentierten acht Songs vom aktuellen Stück „Wall of Arms“ plus den neuen Song „Because“. Die Band an sich ist eine Mischung aus Post-Franz-Ferdinand-Britpop und heillosem Wahnsinn, zwischen musikalischer Perfektion und egalitärem Chaos. Dass man zu den Maccabees wundervoll tanzen kann, weiß man spätestens nach einem Song. Leider hatte man als Zuschauer in der immer voller werdenden Tonhalle keinen Platz um genauso albern herumzuhüpfen wie Gitarrist Felix White (einem Abzugbild von Mika, nur um Härtegrade abgedrehter). Die Maccabees sind einfach eine Tanzband, bei der man richtig die Arme ausbreiten und im Kreis tanzen können muss. Trotzdem waren die Maccabees live an diesem Abend ein Highlight. Sehr gesprächig waren sie zwar alle fünf nicht, aber manchmal reicht es ja auch, wenn die Band nur freundlich lächelt und sich freut wenn ein Publikum, dass eigentlich auf eine andere Band wartet, ihre Lyrics auswendig kann. Neun Songs sind aber einfach viel zu wenig – bleibt zu hoffen, dass man sie hier bald wieder in kleinem Kreise als Headliner willkommen heißen darf.
Auftritt Editors: wieder so eine Band, die nach zwei wirklich erfolgreichen Alben eine Reise auf den Planeten Alphaville gemacht haben und dort mit Erasure surfen gingen um sich neue Inspiration zu holen. Im Publikum hörte man wie bei der Veröffentlichung der Platte in sämtlichen Blättern und Blogs durchwegs verschiedene Meinungen: die einen lieben das neue Material und sind nur hier, um sich von den Live-Qualitäten des Synthie-Pop-Albums zu überzeugen, die anderen freuen sich mehr auf die alten Klassiker und hoffen, dass sie die neuen Songs nicht komplett abschrecken. Wenn den Editors das bewusst war, war die Erstellung der Set-List bestimmt eine Gratwanderung – aber nur Anfangs, den soviel vorab: es kamen beide Parteien auf ihre Kosten.
Vom ersten Song „In this Light and On this Evening“ an verwandelte sich der langweilig schwarze Hintergrund in ein buntes Lichtermeer, das Farben und Formen wechselte, den Rhythmus hinterlegte oder den ganz schwerfälligen Denkern unter uns zeigte, wann der Chorus einsetzte. Coldplay wären sehr stolz auf ihre Landsmänner! Und da sind wir auch schon beim altbekannten, wunden Punkt: wollen wir wirklich auch die Editors an die Durchschnittlichkeit der Massenproduktion verlieren? Braucht man diese vielen ferngesteuerten Glühbirnen auf der Bühne wirklich, wenn man eine Stimme mit der Tiefe und Dringlichkeit eines Tom Smith besitzt? Wohl eher nicht. Bleibt zu hoffen, dass die Editors den goldenen Mittelweg finden, den abgesehen von der überproduzierten Bühnenshow sind sie doch immer noch die genialen Live-Musiker, die einen auch ohne Verstärker berühren können.
Als ein Mitglied der Fraktion, die vom neuen Album noch nicht besonders überzeugt sind, haben mich doch einige der neuen Songs positiv überrascht. „You don’t know Love“ zum Beispiel. Was auf dem Album nach einem kitschigen, überproduzierten David Hasselhoff-Liebeschmachtfetzen klingt, war live so wunderschön, glaubwürdig und zuckerfrei! Die Mischung aus elektronischem Beiwerk und kraftvollen Gitarren und Bässen hatte endlich mal (im Gegensatz zu vielen Fehlversuchen mancher Kollegen) was Neues. Wenn das das Ziel der neuen Editors-Richtung ist: bitte gerne!
Weniger gut hingegen waren Songs wie „Let Your Good Heart Lead You Home“ (ja, die Songtitel werden schnulziger…) oder „You Are Fading“ – dort sind die Melodien zu langatmig, der Text schwer zugänglich, man hat wirklich Mühe sich nicht permanent gelangweilt an der Nase zu kratzen oder diese „Pause“ für einen Gang aufs Klo zu nutzen.
Als Fan der ersten beiden Alben wurde man wie gesagt an diesem Abend glücklicherweise nicht enttäuscht. Die immer noch großartigen „Bullets“, „Blood“, „Smokers OUtside The Hospital Doors“ und “An End Has A Start“ waren alle vertreten und zeugten wie immer von den erstaunlichen Live-Qualitäten der Editors. Natürlich wurde in der (zu kurzen) Zugabe auch „Munich“, die kleine inoffizielle Stadthymne für Indie-Kids, angestimmt – wäre ja auch irgendwie seltsam, wenn das ausgerechnet in München aus der Setlist fliegt.
ah