Elbow, Backstage München, 3.11.2008

Die Frage zum Tag: Wie kann etwas so melancholisches und tiefschwarzes so unglaublich schön sein und glücklich machen? Während des Konzertes wollte man in dem einen Moment am liebsten von der Hackerbrücke springen, und im nächsten mit fremden Konzertbesuchern tanzen und singen und ihnen ein Bier spendieren. Und das im 5-Minuten-Takt.

Wer Guy Garvey’s Stimme zum ersten Mal live hört, wird fasziniert an ihr kleben bleiben. So wie ich an diesem Abend. Diese Tiefe, kombiniert mit den über Jahre mit Whiskey geölten Stimmbändern, legt sich dreist in die Gehörnerven und scheint alles verdrängen zu wollen, was man je zuvor gehört hat. Vor allem wenn Garvey inmitten eines langsamen, traurigen Songs plötzlich meterhohe Oktavensprünge vollzieht, kann und will man seinen Ohren nicht mehr trauen. Seine instrumentale Unterstützung hat aber nicht weniger Tiefgang. Mal abgesehen von den Violinen und Bässen, die im Hintergrund der Bühne für noch einfühlsamere Töne sorgten, haben Elbow ihre Instrumente und Fähigkeiten perfekt auf den Wechsel zwischen Rockband und psychedelisch angehauchtem Orchester trainiert und konnten so auf den Punkt genau die Stimmung der Lyrics auf ihr Spiel übertragen. Als Zuhörer brauchte man sich dann nur mehr fallen zu lassen, die Gefühle kamen von selber!

Zwischen den Songs gab es jede Menge Unterhaltung und Scherze von Guy Garvey. Er erzählte Anekdoten aus dem Tourleben, von Haushaltsunfällen der Bandmitglieder, er flirtete mit einer jungen Dame die ihm wohl schon von früheren Konzerten bekannt war, und er erzählte, dass er überhaupt sehr viele Gesichter in der Menge wieder erkenne, was ihn sehr freue. Er fing an einen Song anzukündigen bis die Band den Song anstimmte und er feststellen musste: „Shit, I introduced the wrong song! Oh, damn it, let’s play it anyway!“. So einfach können heutzutage auch mal Setlists umgeworfen werden. Dinge wie diese ließen die fünf ohnehin schon ausgesprochen netten Menschen noch sympathischer wirken. Selten habe ich während eines Konzertes so viel gelacht. Gute Laune auf der Bühne steckt eben auch das Publikum an!

Ein Highlight des Abends war definitiv „Weather to Fly“, das die Herren die ersten 1,5 Minuten um das Keyboard versammelt in einer weicheren Version anstimmten, bevor später die Instrumente in den Vordergrund treten durften. Das Publikum durfte den Chorus alleine singen und am Ende schmiss sich Guy Garvey in die Menge, verteilte Handküsse und schüttelte Hände, ließ sich drücken und winkte dem Rest des Publikums zu.

Die beiden schnelleren Songs „Grounds for Divorce“ vom aktuellen Album „The Seldom Seen Kid“ und das falsch angesagte und in die Setlist eingeschmuggelte „Forget Myself“ vom Vorgänger „Leaders of the Free World“ gaben Elbow die Chance, auch mal etwas lauter auf ihre Instrumente einzuschlagen. Ansonsten war der Abend eigentlich nur eines: andachtsvoll.

Weather To Fly:

ally