Kings of Leon – Only by the Night

Manchmal muss man sich einfach darauf einlassen. Auf neue Sachen, die von Promotern und Plattenlabels als „besser, höher, schneller!“ und mit hundert verschiedenen myspace-widgets, youtube-Tagebüchern und haufenweise Blingbling beworben werden. Auch wenn man der aggressiven Werbung im geringsten Falle Glauben schenkt, weil die Band vielleicht sowieso noch nie gut war. Weil es nach zehn Jahren Bandbestehen nun mal nichts Neues mehr zu erzählen gibt. Oder, wie im Fall der Kings of Leon, weil man ja schon das letzte Album für das beste hielt, dass die Band je zustande bringen würde.

Wer das von „Because of the Times“ 2007 dachte, der hat falsch gedacht. Die Kings of Leon haben irgendeinen Knopf gedrückt, der einen Zauber der Schönheit über „Only by the Night“ legt. Sie experimentieren im Studio, hören nebenbei MGMT, werden beziehungsstabil und bleiben exzessiv. Caleb Followill hat immer noch die gleiche, helle, raue Stimme, die jedes Reibeisen eifersüchtig macht, und trainiert ihr gleichzeitig noch mehr Klang und Volumen an. Alles sieht nach der planmäßigen Perfektionierung einer problemlos laufenden Geldmaschine aus. Wenn man aber genau hinhört, kann man das dann irgendwie doch nicht mehr glauben.

Dass die Kings of Leon ihren Gottesjünger-Stempel nicht mehr abwaschen können, scheint mittlerweile von allen Seiten wohl oder übel akzeptiert worden zu sein. Diesen Stempel tragen sie ja eigentlich nur wegen ihres Priester-Vaters/Onkels und obwohl keiner der vier bisher gezögert hat, wenn es um wilde Saufgelage, Schlägereien, Drogenkonsum und losen Affären mit diversen Topmodels ging – nicht gerade biblisch, dieser Ansatz. Eigentlich müsste es einen wundern, wieso alle drei Followill-Brüder und der eine Followill-Cousin trotzdem noch jung und unverbraucht aussehen und wieso da immer noch die Energie vorhanden ist, sich zusammen zu reißen, ins Studio zu setzen und innerhalb von sechs Wochen ein Album zu produzieren, dass besser ist als alles andere zuvor!

Der Anfang der Entstehungsgeschichte dieses Albums: Bruder Nathan prügelt Bruder Caleb im Alkoholrausch in die Bewusstlosigkeit, und als dieser wieder aufwacht, liegt ein voll geschriebenes Songbuch in seiner Hand. So weit, so unglaubwürdig. Danach hören sie sich in den Sound diverser Elektronik-Tanz-Bands hinein, und schon wird der erste Song des Albums „Closer“ in diese Richtung umgemodelt. Er beginnt mit dieser psychedelischen Hintergrundmelodie, die man sich gut auch für die Unterwasseraufnahmen einer Meerjungfrau vorstellen kann. Die selbe Melodiefolge wird schon fast beschwörend immer und immer wieder verwendet, und mit den sanften Drums, dem gut eingesetzten Bass und Calebs wie so oft als sexy empfundener Stimme kann man die Meerjungfrau plötzlich mit einem Meerjungmann turteln sehen.

Um nicht sofort in eine weitere Schublade gelegt zu werden, dreht der zweite Titel „Crawl“ um und geht in eine komplett andere Richtung. Statt Meerjungfrauen gibt es hier bärtige Rocker, die der nicht mehr ganz so jungen Kellnerin in die Hinterbacken kneifen. Die Mienen in den Gesichtern werden hart, der Hintergrund ist verraucht, dunkel und riecht sehr stark nach Bier. Der Song hat eine ganz eigene Energie, und darf auf keinen Fall mit dem üblichen Rock-Einheitsbrei verglichen werden.

Mit „Sex on Fire“ hat Caleb laut seines Bruders Nathan fast seine Beziehung aufs Spiel gesetzt. Dass er damit seiner Freundin für den abenteuerlichen Bettsport Tribut zollt, hat der Betroffenen nämlich anfangs weniger gut gefallen. Nach dem zu urteilen, was aus dem Song geworden ist, ist Herr Followill aber durchaus zu beneiden!

Beziehungstechnisch scheint es den vieren generell sehr gut zu gehen. Wie oben schon erwähnt, haben sie sich mittlerweile vom wilden Single-Leben verabschiedet und sich gebunden. Eindrucksvoller Beweis ist Nummer 4 auf dem Album, „Use Somebody“. Ein Liebeslied, das komplett unkitschig und ohne Zuckerguss geliefert wird. Trotzdem möchte man vor lauter Herzschmerz am liebsten dahin schmelzen.

„Manhattan“ habe ich zum ersten Mal beim Auftritt der Kings am Roskilde Festival Anfang Juli diesen Jahres gehört. Die Sonne ging gerade unter, die schnellen, lauten Kings of Leon-Kracher waren bereits verpulvert, und die Fans lauschten andachtsvoll diesem Lied, das noch niemand vorher gehört hatte. Ich denke, das war Absicht, dieses Lied an dieser Stelle zu spielen. Es hat diesen sehnsuchtsvollen Lonely Cowboy Flair, bei dem einem alle möglichen Sachen durch den Kopf gehen. Songs wie dieser sind wohl der Grund, wieso sich Bono und David Bowie so um die Band reißen und ihnen ständig ihre Zuneigung bezeugen.

All diese wundervollen Songs lassen einen auch gönnerhaft darüber hinwegsehen, dass der nachfolgende Teil des Albums ein bisschen nachlässt.

ally