Wer wissen will ob es klug ist, schon vier Tage vor einem Festival den Campingplatz zu beziehen und schon mal „vorzuglühen“:
Nein, ist es nicht! Natürlich ist das alles sehr lustig, man lernt viele Menschen kennen und überhaupt, der Alkohol und andere Wirkstoffe wechseln Besitzer und Stoffwechsel, man hat plötzlich nackte Mitduscher und kann sich darüber amüsieren, dass in Dänemark anscheinend wieder das Hippietum inklusive striktem Rasierapparat-Boykott ausgebrochen ist und sich manche Damen Zöpfe unter den Achseln flechten, aber körperlich ist es für über 25-jährige definitiv nicht mehr zu empfehlen. Vor allem nicht, wenn man schon am Anreisetag aus Unwissenheit das falsche öffentliche Verkehrsmittel zum Festival wählt und dann am falschen Eingang steht und samt Rollköfferchen und Tramperrucksack quer über das Gelände (und über eine ziemlich hohe Eisenbahnbrücke) von West nach Ost pilgern muss – Nicht Gut!

Uns zumindest fehlten am Festivalgelände ganz stark ein privater Arzt und der mobile Physiotherapeuten-Service. Knochen die wehtun konnten, taten dies auch gnadenlos und jeder Muskel der sich verspannen konnte, war spätestens am Dienstag vor dem Festival so verkrampft, dass einem kleine Beulen aus dem Körper wuchsen. Außerdem waren die hübschen orangen Roskilde-Tents so was wie mobile Saunazelte, in denen es des Nächtens eiskalt war und ab 6:00 Uhr früh gefühlte 60°C hatte. Sprich, an viel Schlaf war in Roskilde nicht zu denken. Aber was tut man nicht alles…

Die noch konzertfreie Zeit der ersten drei Tage nutzten wir für einen Stadtausflug nach Kopenhagen und einer intensiven "Recherche" in den Plattenläden der Stadt. Dass sowas nicht geht, ohne mit vollen Tüten nach Hause zu gehen, war klar. Unseren erfolgreichen Fang wollten wir bei schönem Wetter in einem "bayrischen Biergarten" feiern. Jetzt wissen wir, dass dieser den Namen wohl nur wegen der blau-weiß-gestreiften Eingangspfosten hat, denn das Bier war ja sowas von grauenerregend, dass man sich selbst das erst mal schön saufen musste!!

Das Konzertprogramm begann am Donnerstag. Sehr gemütlich und mal wieder viel zu spät kamen wir aufs Konzertgelände, das bis dato noch gesperrt war. Wir mussten uns also erst mal einen Überblick verschaffen. Gleich gegenüber dem östlichen Entree stand das Arena-Zelt. Dort war Duffy schon furchtbar am Schwitzen und mit ihr das ganze, bis zum bersten vollgestopfte Zelt. Auch wenn die Musik von weitem schon sehr gut klang – eine Sauna hatten wir ja schon am Zeltplatz stehen, da will man den Kollaps nicht unbedingt noch herausfordern.

Lieber mit einem leckeren Lakritz-Eis mal Richtung Hauptbühne, der Orange Stage, spazieren. Dort war noch sehr viel Platz auf der sehr großen Liegewiese, und so machten wir es uns dort schon mal gemütlich. Als nächstes sollte Teitur auftreten, den wir bisher nur vom Hörensagen kannten. Der kleine, niedliche Faröer hatte ein kleines, liebes Orchester dabei und ging darin fast ein bisschen unter. Sein Gesichtsaudruck war sehr - ähem - gelöst, und sein Kopf hing mit einem Lächeln immer zur linken Seite herunter. Auf uns wirkte er spontan wie ein stark unter Drogeneinfluss stehender, bis über beide Ohren verliebter 15jähriger, der seiner angebeteten Dame den Minnesänger macht - weshalb es uns ein bisschen schwer fiel, ihn ernst zu nehmen und uns tatsächlich auf die Musik zu konzentrieren.

Worauf wir uns an diesem Abend schon sehr freuten, waren MGMT. Die beiden sonnenbebrillten Batik-Jungs mit ihren improvisierten Superman-Umhängen sind einfach zu special, die sollte man auf jeden Fall mal gesehen haben. Zuerst hatte man zwar noch seine Zweifel, ob so eine Art Musik live auch wirklich funktioniert, ob auf der Platte vielleicht nicht zu viel abgemischt wurde und der Sänger eventuell ne grauenvolle Live-Stimme hat, aber wir wurden eines besseren belehrt. Außerdem macht es wahnsinnig viel Spaß, bei Songs wie „Electric Feel“ oder „Kids“ in die Nachmittagssonne zu tanzen, sich die Melodien und den lustigen Casio-Sound ins Blut und in die (angeschlagene) Kniemuskulatur fließen zu lassen und dabei einen Sch***dreck drauf zu geben, wie lächerlich man dabei wohl aussieht. Auch wenn man normalerweise eine komplett andere Musikrichtung hört, kann man sich dazu schon mal hinreißen lassen!

ah