Roskilde Tagebuch

Tag 2, Freitag, 4.7.2008

Am Freitag Nachmittag gaben wir uns erst mal es eine kleine Vorstellung der Band of Horses. Wer nicht ganz vorne stand, hat nicht viel verpasst, denn die Gesichter der Bandmitglieder konnte man unter einer dicken Schicht Bart gerade mal erahnen. Gott sei Dank kamen da trotzdem noch ganz schöne, ungetrübte Töne durch die Haarfront.

Da Veto in Dänemark ja schon wesentlich mehr Starfaktor besitzen wie hierzulande, haben wir uns brav schon während der letzten Minuten der Band of Horses für den ersten Pit bei Veto angestellt. Wenn die Band nur wüsste, was wir da für sie auf uns genommen haben! Der Wartebereich war klein, mitten in der knallenden Nachmittagssonne, es drängten sich ganz üble Schweißgerüche und nervige Teenager-Mädchenunterhaltungen in meine Liste der am unangenehmsten Punkte auf einem Festival (Ja, die Mädchenunterhaltungen waren auf Dänisch, ich hab kein Wort verstanden, es war aber trotzdem ganz schrecklich nervenaurfreibend!). Es dauerte Ewigkeiten, bis uns Veto von dieser Qual endlich erlösten. Den Geruch in der Nase konnten sie zwar nicht vertreiben, aber die Ohren wurden nach der kichernden Schnatterei wenigstens schön musikalisch einbalsamiert. Selten gab es auf dem Festival auch ein stimmgewaltigeres Publikum als hier!

Um noch pünktlich zur Orange Stage zu kommen, mussten wir Veto leider schon vorzeitig verlassen. Für ganz Nahe dran waren wir natürlich zu spät (da hätte man sich wohl schon zwei Stunden vorher anstellen müssen), aber dafür gabs einen gemütlichen Platz auf der Wiese. Es war unser erstes Mal mit den Kings of Leon, und es war schön! Die Setlist war mit Songs der Alben 1 – 3 schön durchgemischt und auch zwei Songs vom neuen Album wurden der hungrigen Meute zum Fraß vorgeworfen. Die Kings of Leon haben das, was die meisten musikalisch verwandten Bands verzweifelt suchen – Melodie, Charme und Krach in Perfektion und das in einer Live-Qualität die ihresgleichen sucht. Das Ganze auch noch mit einer Selbstverständlichkeit, als würde es sie eigentlich kaum kümmern ob das, was da aus ihren Instrumenten herauskommt, wirklich was taugt. Es hätte kaum besser gepasst, dieser melodische Bombastrock und der malerische Sonnenuntergang….

Oh ja, wir haben uns auch sehr auf Grinderman gefreut. Wirklich! Nick Cave endlich mal live zu sehen wäre schon ein unglaublich wunderbarer Traum gewesen. Leider haben wir beide noch nicht zu viele musikalische Happen probiert von dieser Band, die sich um Herrn Cave gescharrt hat. Denn schon nach dem ersten Song prangten uns dicke Fragezeichen im Gesichtsfeld. Was ist das? Ist das sein Ernst? Welche Pillen haben die alten bärtigen Männer geschluckt? Alles klang so schräg, so aus dem Stegreif in die Tasten und Saiten gehämmert, so ohne Überlegung, ohne Substanz. Das haben wir nicht lange ausgehalten, ohne uns kaputt zu lachen. Und da man sich nicht über Nick Cave kaputt lachen kann ohne in die Hölle zu kommen, haben wir uns lieber wieder ins Zelt verdrückt um ein bisschen auszuruhen, um für die Spätvorstellung von Spleen United um 2 Uhr morgens fit zu sein!

Spleen United. Noch so eine dänische Superband, die hier keine Sau kennen wird. Wie umschreibt man am besten, was einen beim Zuhören dort erwartet…schöner Lärm, gut dosiert in eine elektronische Hülle gehüllt und mit einer glasklaren Männerstimme eingemascherlt. Ohne Frage tanzbar und mitreißend (wäre man zu diesem Zeitpunkt noch fähig gewesen, überhaupt irgendeinen Knochen zu bewegen), sehr bunt und außerdem verfolgend eingängig.

Frühmorgens im kalten Zelt hatte man auf jeden Fall noch einige bunte Ohrwürmer im Kopf.

ally